Entstehung

 

Der Typ im feuerroten Overall zwängt den Kopf zwischen die Windungen des blanken Metallgestänges.
,,Mach fei nix kaputt, des is kaa alter Auspuff“,
frozzelt es von hinten. Der Rote drückt den Zeigefinger mit den Ölrückständen unter dem Nagel
prüfend auf das frisch abgeschmierte erste Ventil. Ventil ist leichtgängig.
Nun presst er mit einem kräftigen Lungenschub Luft in das glänzende Gewinde.
Die Maschine röhrt dunkel auf. Das ist der Klang, den die Roten lieben. Und bitte keine Missverständnisse:
Nicht um die Roten in Maranello geht es. Nicht Ferraristi basteln hier am Sound ihrer Kultrennwagen.
Dies ist der Klang der freien Werkstätten. Die ,,Fidele Hinterachse“ ist am Werk.
Eine Combo von Kfz-Meistern.

Wir sind in Oberkotzau. Ein Herkules aus Stahl beherrscht den Raum. Tagsüber hebt er hier kränkelnde Karossen nach Bedarf auf und ab.
Nun hat er Feierabend. Obwohl die Pin-up-Girls noch unverändert unternehmungslustig von der Wand blicken.
In der Luft liegt Öldunst. Auf dem Boden zusammengekehrte, abgedrehte Gewinde.
Die ganze Kulisse mit den leeren Öltonnen, den Rohrverbindungen an der Decke, den gestapelten abgefahrenen
Autoreifen hat etwas vom Charme der New Yorker Bronx.
Verströmt die Atmosphäre eines abgefahrenen Großstadt-Szeneclubs.

 

Und irgendwie klingt die ,,Fidele Hinterachse“ auch so. Eine einsame Klarinette ödelt
,,Oh, my Darling Caroline“. Das Schlagzeug knattert treudeutsch. Eifrig steuert das Helikon gut Gemeintes bei.
Posaune und Zupfbass erhöhen die Kompression. Verdichten das Spektakel.
Und auffrisiert wird das Ganze von der knalligen Akustik der Werkstatthalle.
Das hier ist ein ziemlich kurioses Ding.
Drei selbständige KfZ-Meister haben sich gefunden. Jeder von ihnen betreibt eine eigene freie Werkstatt im Raum Hof.
Somit sind sie eigentlich Konkurrenten.
Aber der Hofer Klarinettist Paul Spinnler, der Schlagzeuger Hermann Fischer aus Hallerstein
und Franz Scholz aus Oberkotzau am Helikon arbeiten viel lieber zusammen.
Bilden mit Teilen ihrer Kundschaft diese skurrile fünfköpfige ,,Hinterachse“.
In einem der roten Overalls steckt Bert Brigulla. Er ist Lehrer mit musikalischer Grundbildung,
spielt Posaune und Gitarre und soll das Ganze in halbwegs Dur-Moll-tonal-geordneten Bahnen halten.
Den Kontrabass zupft Peter Kampschulte. Er zupft. Spielen, sagt er, kann er aber nicht.
Das lernt er hier erst so nebenbei. Learning by doing.

 

Also sind sie Punks. Volksmusik-Punks. Weil sie an diesem Ausgangspunkt ihres
Tuns an die innovative Zeit der Punk-Bewegung erinnern. Jeder kann spielen, hieß das Credo.
Ein heftiger Rhythmus Auf dem Schlagzeug. Drei Griffe auf der Gitarre. Verstärker voll auf und mal sehen, was raus kommt.
Der Krawall ging einem natürlich irgendwann auf die Nerven. Trotzdem hat sich der Punk bleibende
Verdienste erworben. Hat er doch eine große Leistung erbracht:
Er hat ästhetische Normen in Frage gestellt. Musik neu denken, neu hören,
Schönes im Hässlichen suchen, mit Konventionen im verkrusteten Musikbetrieb brechen –
das hatte einreinigende und belebende Wirkung.
Dieser Ansatz trägt auch die ,,Fidele Hinterachse“. Sie spielen was ihnen gefällt –
Schlager, Volkslieder, Rocksongs.

 

Sie tun das auf ihre ganz eigene Weise. Und sie fürchten sich vor nichts.
Sentimental Journey. Rote Lippen soll man küssen. Meist beginnt die Klarinette.
Fängt einfach an. Erkundet ein Thema. Die anderen tasten sich hinein. Suchen den Anschluss.
Finden ihn. Oder auch nicht. Dann singen sie zwischendurch mal gemeinsam. Alle den gleichen Text. Oder auch nicht.
Das ist spannend und amüsant für den Zuhörer. Wobei der Zuhörer, der übliche
Musikkonsument hier gar nicht gefragt ist. Wenn die Hinterachse spielt, kann jeder mittun.
Kann sich jeder mit Stimme oder Instrument einmischen. Dadurch wird die Hinterachse gleich noch ein bisschen fideler.
,,Die Gedanken sind frei“ – nun singt die kleine Geburtstagsgesellschaft in der Werkstatt.
Dann ,,Skandal im Sperrbezirk“ – da rätselt jeder. So hat die bekannte Nummer noch niemand gehört.
Dafür ist die allgemeine Heiterkeit bei der Auflösung des ungewollten Musikrätsels umso größer
Das gibt es selten. Viel zu selten. Musik nicht als Kunstform, sondern als Kommunikationsform.
Die Kfz-Meister gehen mit Auspufftöpfen und Keilriemen selbstverständlich um.
Große Redner sind sie nicht. Das Reden übernimmt in der ,,Fidelen Hinterachse“ wie sonst auch überall
Peter Kampschulte. Der Schauspieler am Hofer Theater und Hörfunkmoderator macht das.
Er erzählt, wie er zur „Fidelen Hinterachse“ kam und was es mit ihr auf sich hat.
Peter Kampschulte wollte nur einen geliehenen Pritschenwagen in die Werkstatt zurückbringen.
Dabei kam er unter die Räder der „Fidelen Hinterachse“.
Er geriet nämlich in so ein musikalisches Szenario und wurde umgehend an den Bass ,,verpflichtet“.
Kampschulte hat Erfahrungen mit Musik.
Er hat sechs Jahre kindlichen Klavierunterricht hinter sich.
Sechs Jahre mit der ständigen Angst vor der Frage: ,,Hast du geübt?“
Irgendwann war die Angst im Kopf und die Lust am Spielen weg.

 

Da geht es dem Schauspieler wie vielen anderen.
Viele Menschen haben diesen Erfahrungshintergrund und dann nicht mehr den Mut,
ihre ursprüngliche Musikalität herauszulassen. Sind nicht mehr in der Lage, ohne Angst an etwas Neues heranzugehen.
Im unbefangenen Zusammenspiel des Hinterachs-Verbunds der Kfz-Meister ist das anders.
Sie strahlen eine selbstverständliche Lust und Freude und Vitalität aus. Ihre Musik ist wie das Leben.
Ständig passiert etwas Unvorhergesehenes. Dauernd geht etwas schief. Aber wenn man in der Lage ist,
die Schieflagen des Lebens zu ertragen, Querschläger nicht allzu ernst zu nehmen und immer das
Gute zu sehen, macht es unheimlich Spaß. Dieser Spaß überträgt sich von der ,,Fidelen Hinterachse“ auf den Zuhörer.

 

 

Vielleicht hängt dieses Vermögen der Kfz-Meister zur furchtlosen Improvisation, zum positiven
,,Alles-Ausprobieren“ auch ein bisschen mit der Alltagsituation der freien Werkstätten zusammen.
Ihrem Dasein im Dschungel des Marktes. Mitten in den Verdrängungskämpfen von Konzernen,
Autowelten und Car&Fun-Paradiesen in gläsernen Palästen.
Die freie Werkstatt ist eine andere Welt. Eine bescheidenere Welt. Eine Welt, in der meist noch
Zeit für ein Pläuschchen ist. In der der Kunde mit seinem Problem anruft und
der Chef nicht selten selbst hinfährt und nachschaut. Die freie Werkstatt ist auch die
Welt, in der mitunter noch getüftelt wird, um einem klammen Kunden einen
Schaden preiswert zu beheben. Diese Welt sollte es nach dem Willen der großen
Autokonzerne eigentlich gar nicht mehr geben. Und es gibt sie doch.
Auto oder Musik – wir leben inzwischen ein Leben, in dem das Perfekte zur
Norm erhoben ist. Da sind solche Hinterhof-Musikanten eigentlich überflüssig.
Denn jede Musik der Welt kannst du dir heute jederzeit besorgen.
Perfekt gespielt, perfekt aufgenommen, perfekt abgemischt, perfekt digitalisiert, perfekt vermarktet. Perfekt, perfekt, perfekt.
Aber wo ist das menschliche Maß? Menschen hungern nicht nach Perfektion.
Menschen brauchen Gemeinsamkeit. Suchen Bestätigung, wollen mittun, sich einbringen.
Dies macht einem eine Begegnung mit der ,,Fidele Hinterachse“ deutlich.
Zusammen musizieren befriedigt. Miteinander singen versöhnt. Macht stark.
Perfektionistisches Denken ist da störend. Denn Perfektion ist die Sache von Maschinen.

Text: ERWIN LIPSKY